4.1.3 Wer kreiert? Kreatives Individuum, kreative Gruppe

Die Wurzeln unserer Kreativität liegen in der Einzigartigkeit unserer Persönlichkeit. Unsere Gedanken, Ideen und Gefühle führen uns zur Entwicklung neuer Assoziationen und Verbindungen.

Individuelle Kreativität

Wir alle sind einzigartig und verschieden, doch nicht jeder kann daraus Vorteile ziehen. Wir sollten in der Lage sein, unsere Potenziale als Ressourcen anzusehen, auf denen wir aufbauen können – ganz besonders auf den Gebieten, die wir gut beherrschen. Durch die Nutzung dieses einzigartigen Potenzials der Persönlichkeit können wir ein solides Selbstvertrauen erwerben. Natürlich spielt auch das soziale Umfeld eine wichtige Rolle bei der Bildung echten Selbstvertrauens, indem es die Initiativen eines Individuums entweder anerkennt und unterstützt oder verhindert. Aufgrund von Unterstützung sind wir bei der Formung eines soliden Selbstvertrauens in der Lage, generell auf unsere eigenen Gedanken und Gefühle zu vertrauen.1 So werden wir also nicht nur bereits existierendes Wissen und vorhandene Praktiken beherrschen, sondern manchmal sogar darüber hinaus gehen, indem wir neue Assoziationen und Ideen entwickeln. (Abb. 3)


Abb. 3: Die Wurzeln der Kreativität

 

Notwendige Aspekte der Persönlichkeit kreativer Individuen

Wir brauchen also bestimmte Fähigkeiten um kreativ zu sein. Doch diese Fähigkeiten sind keineswegs mysteriös: Wie wir gesehen haben, brauchen wir ein solides Selbstwertgefühl (echtes Selbstvertrauen), damit wir uns auf unsere eigenen Gefühle und Gedanken verlassen können, außerdem innere/intrinsische Motivation und Neugier - ebenfalls Gefühle, auf die wir vertrauen – und so werden wir durch das Engagement in einer bestimmten Aktivität motiviert und interessiert, was wiederum eine Selbstwirksamkeit verursacht, in deren „Fluss“ von Motivation und Selbstvertrauen der „zündende Funke“ überspringen kann (Abb. 4).


Abb. 4: Notwendige persönliche Faktoren für Kreativität

Wenn wir Vertrauen in unsere eigenen Gefühle und Gedanken haben, verrichten wir unsere Aktivitäten aus einer natürlichen Neugier und Motivation heraus, die von innen kommen2. Wir können nur kreativ sein, wenn wir Interesse haben an dem was wir tun, abgesehen von irgendeiner Belohnung. Wenn wir uns mit einem Thema nur der Belohnung oder des Profits wegen befassen, ohne ein sinnbildendes, persönliches Interesse zu haben, ist es unwahrscheinlich, dass wir eine innovative Lösung entwickeln werden. Eigene Neugier und Interesse für ein Thema sind normalerweise ein gutes Zeichen dafür, dass wir über ein beachtliches Potenzial verfügen

Nach Csíkszentmihályi erfahren wir einen"Fluss"3 von vollständig zielgerichteter Motivation, wenn wir uns mit allen Kräften energisch auf die Durchführung einer Aufgabe konzentrieren. Man hat herausgefunden, dass Menschen, die kreativ sind, lieben was sie tun und wie sie es tun. Allein schon durch die Entdeckung neuer Dinge wird unser „Vergnügungszentrum“ im Gehirn stimuliert. Wenn wir in der Lage sind, unser Ziel zu erreichen oder etwas Nützliches zu schaffen fühlen wir eine Selbstwirksamkeit unserer Aktivitäten. Wenn wir diese Selbstwirksamkeit oft verspüren, wird unser Selbstvertrauen größer werden. Dies ist wiederum notwendig, um einzigartige, neue Ideen entwickeln und ausdrücken zu können, womit sich der Kreis der Voraussetzungen für Kreativität schließt.

Gruppenkreativität

Kreative Individuen sind wichtig für kreative Gruppen, doch es stimmt bei weitem nicht, dass sie eine alles entscheidende Bedeutung haben. Kreativität ist ein Prozess, der von Gruppen vielleicht einfacher gelernt werden kann, als von den Individuen. Wir behaupten, dass Innovation nicht nur von (einer Gruppe von) Individuen kommt, die sich selbst als kreativ bezeichnen. Eine kreative Gruppe ist nicht dasselbe wie eine Gruppe von „Kreativen“. Doch die einzelnen Beiträge sind wesentlich für ein kreatives Ergebnis.
Gruppen haben einen anderen potenziellen Vorteil gegenüber Individuen, da in Gruppen eine Vielzahl fundierter Erfahrungen zusammen kommt. Das macht es besonders wichtig, auf die Zusammensetzung der Gruppe zu achten. Je vielfältiger sie zusammengesetzt ist, desto mehr divergierendes Denken wird ausgelöst.4

Halten Sie nun einen Moment inne und denken Sie nach:
Sie sind dabei, die Einführung eines neuen Produkts oder einer neuen Dienstleistung in Ihrem Unternehmen zu planen. Sie wollen per Brainstorming eine Gruppe anregen, darüber nachzudenken und Ideen zu sammeln.5  Wen würden Sie zum Brainstorming einladen? Wie viele unterschiedliche Perspektiven und damit verbundene Hintergründe würden Sie zusammen bekommen? Wer wäre interessiert? Woher würden Sie Experten und Außenseiter für das Meeting holen?

In fast allen Gruppen sind es die Führungskräfte, die den kreativen Prozess der Gruppe formen, die Zusammensetzung der Gruppe bestimmen, die Umgebung und das psychosoziale Umfeld prägen, die Hilfsmittel und Techniken zur Verfügung stellen und für „kreative Aufladung“ sorgen. Sie müssen also „Umbauen im laufenden Betrieb“ – innovativ sein, während die normalen Geschäfte des Unternehmens weiter laufen.6


1 Várnagy (2009): Beyond the level of self esteem. Investigating stability as an independent dimension in alternative and traditional secondary schools.
2 Waschull, S. B. Kernis, M. H. (1996). Level and stability of self-esteem as predictors of children's intrinsic motivation and reasons for anger
3 Flow (psychology) from wikipedia. http://en.wikipedia.org/wiki/Flow_%28psychology%29
4 Leonard D.; Swap W. (1999): When sparks Fly. Igniting Creativity in groups
5 Für weitere Informationen über Brainstorming siehe Kapitel 4.2 dieses Leitfadens. 
6 Leonard D.; Swap W. (1999): When sparks Fly. Igniting Creativity in groups