8.1.4 Fallstudie

Finanzierung von Innovationen in Kleinunternehmen

Die folgende Fallstudie wird Ihnen ein praktisches Beispiel vorstellen, wie ein kleines Start-Up Unternehmen den komplizierten Prozess der Entwicklung, der Finanzierung und des Marketings eines innovativen Produkts im Bereich der Bodenradar-Technologie gemeistert hat. Die Fallstudie kommt in Form eines kurzen Interviews mit dem Geschäftsführer eines neugegründeten, innovativen Unternehmens und, sie illustriert die Bedeutung des Findens der angemessenen Finanzierungsinstrumente, wenn Sie ein kleines Technologie-Unternehmen aus einem eher abgelegenen Standort vertreten, das nur über begrenzte Kenntnisse und Ressourcen verfügt, derartige Innovationen zu entwickeln und zu finanzieren. Das Interview befasst sich mit Fragen der Gewinnung praktischer Informationen und von Feedback zu den Haupthindernissen und Herausforderungen, mit denen das Unternehmen sich bei der Entwicklung und Finanzierung seines Innovationsvorhabens konfrontiert sah.

FRAGE: Bitte schildern Sie zunächst kurz das Betätigungsfeld Ihres Unternehmens.

ANTWORT: Die Firma wurde 2007 gegründet mit dem Ziel, eine innovative Anwendung eines Bodenradarsystems zu entwickeln und zu vermarkten. Ein Bodenradarsystem nutzt das Geo-Radarverfahren für non-destruktive Kontrolle und Bewertung von Leistungsqualitäten – Qualitätskontrolle und Qualitätsbewertung beruhen auf den Eigenschaften der elektromagnetischen Wellen. Im Moment beschäftigen wir 7 hoch qualifizierte Bodenradar-Experten in unserem Hauptbüro und in den Forschungslaboratorien der Regionalhauptstadt Blagoewgrad in Bulgarien.

FRAGE: In welcher Beziehung haben Sie Ihre Wahrnehmung von Innovation und Ihre Vision der Unternehmensentwicklung gesehen? Glauben Sie, kleinere Unternehmen sind im Vorteil, wenn es um Innovation geht?

ANTWORT: Innovativ zu sein ist der Kern unserer Vision der Unternehmensentwicklung, denn die Firma engagiert sich voll und ganz in der Entwicklung neuartiger Produkte und Technologien auf dem Gebiet der non-destruktiven Bodenradarsysteme. Unser Ziel ist es, Bulgarien vertraut zu machen mit einem Verfahren, dass weltweit an Universitäten studiert wird und das seit vielen Jahren als fundamental angesehen wird. Innovationen in einer relativ kleinen Gesellschaft in einem kleinen Unternehmen zu entwickeln ist sowohl Vorteil als auch Herausforderung. Negativ ist, dass wir weit weg sind von den großen Technologiezentren und Forschungsinstituten der Hauptstadt Sofia. Wir konnten daher nicht auf Hilfen und Expertenrat bei der Entwicklung und beim Marketing unserer innovativen Produkte zurückgreifen. Andererseits sind wir als kleines Unternehmen flexibler und können uns relativ schnell an Marktveränderungen anpassen.

Wir sind gewillt, mehr Risiken zu übernehmen, als größere forschungsorientierte Unternehmen. Insofern denke ich, kleiner ist besser für Innovation. Doch die meisten bulgarischen Unternehmen in abgelegenen, ländlichen Gebieten wie dem unserem unterschätzen sehr oft die Bedeutung von Innovationen, ganz zu schweigen von Investitionen in die Optimierung des Produktionsprozesses, in Weiterbildung der Mitarbeiter, in die Bereitstellung der notwendigen Mittel für Innovationen etc.

In der heutigen Zeit des ökonomischen Niedergangs ist es nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen ein verringertes Innovationspotenzial haben, in aller Regel aus Geldmangel. Doch innovativ zu sein, wie unser Unternehmen es zu sein versucht, kann genau der entscheidende Faktor sein, die momentane Krise nicht nur zu überleben, sondern sogar wettbewerbsfähiger zu werden.

FRAGE: Können Sie die Hauptprobleme, die Sie bei der Entwicklung und Kommerzialisierung Ihrer Innovation hatten, genauer erläutern?

ANTWORT: Ich werde mal von Anfang an berichten: Unser Unternehmen entstand aus an der Universität geschlossenen Freundschaften zwischen Professoren und Unternehmern der Region Blagoewgrad, die sich auf Forschung und Entwicklung geologischer Geräte auf dem Spezialgebiet der Boden penetrierenden Technologien spezialisiert hatten.

Kurz nach Gründung unserer Firma hatten wir die Idee, ein neues Geo-Radar Verfahren für non-destruktive Kontrolle und Bewertung von Leistungsqualitäten zu vermarkten, wobei die Qualitätskontrolle und Qualitätsbewertung auf den Eigenschaften der elektromagnetischen Wellen beruhen. Um den Innovationsprozess anzustoßen, die Erfindung zu patentieren und an interessierte Sub-Kontraktoren zu vermarkten, schätzten wir, dass wir eine eigentlich geringe Finanzierung von ungefähr 50 000 Euro brauchten.

Das erste große Hindernis war der Mangel an Informationen und Kenntnissen im Finanzwesen, denn wir alle waren Ingenieure für Raumplanung und Raumentwicklung. Zuerst fragten wir Freunde und andere eher informelle Informations- und Finanzquellen wie Verwandte, private Investoren und sogar Wettbewerber. Wir entdeckten bald, dass sich in diesen Krisenzeiten niemand in der Lage sah, die Summe aufzubringen, die wir für ein Projekt brauchten, dass schon sehr anspruchsvoll war für die meisten Leute, denen wir es präsentierten.

Dann gingen wir zu den Banken. Doch das richtige Finanzierungsinstrument oder eine Kreditlinie zu bekommen, erwies sich als extrem schwierig, weil die Bedingungen nicht akzeptabel waren für ein kleines Start-Up Unternehmen wie unseres – hohe Zinsen, verschiedene Bürgschaften, kurze Tilgungszeiten etc. Wegen der Wirtschaftskrise waren die bulgarischen Banken damals sehr vorsichtig. Nach vielen vergeblichen Versuchen, eine passende Finanzierung zu bekommen, suchten wir Rat bei einer lokalen Unternehmensberatungsstelle.

Deren Experten analysierten unsere Idee und schlugen vor, wir sollten öffentliche Gelder aus einem der staatlichen Programme zur Finanzierung von innovativen Start-Ups beantragen.

FRAGE: Was hat Sie bewogen, eine öffentliche Finanzierung zu wählen, anstatt die Finanzierung durch eine Bank oder eine andere Art der Finanzierung, z.B. über Business Angels, Venture Kapital Fonds oder ähnliches?

ANTWORT: Ich habe die hohen Anforderungen der Banken für die Finanzierung eines kleinen Technologie-Start-Ups bereits genannt. In manchen Fällen gibt es Kredite von Institutionen wie der EBRD (European Bank for Reconstruction and Development), die sehr niedrige Zinsen und besondere Vorteile für Technologie-Unternehmen bieten.

Leider stand uns das damals nicht zur Verfügung. Was Risiko-Investoren oder Venturekapitalgeber anbelangt, ich denke, die passen von der Größenordnung her nicht zu unserem Unternehmen und zu dem speziellen Projekt. Venturekapitalgeber wollen in größere Projekte investieren. Außerdem sind sie hier sehr schwer zu finden, denn die meisten haben sich in den großen Technologie- und Finanz-Zentren der Hauptstadt angesiedelt. Dann haben wir uns entschieden, um öffentliche Gelder nachzusuchen. Wenn wir über öffentliche Gelder reden, glaube ich persönlich, das ist die Art Finanzierung, von der alle reden, aber niemand bewirbt sich tatsächlich darum.

Jedenfalls war das damals so, und so ist es noch heute bei uns in der Region. Es gibt so viele Informationen über die verschiedenen Arten der Finanzierung wie Gemeinschaftsprogramme, Nationale Förderung von KMU, EU-finanzierte Programme, nationale Innovationsförderungsprogramme etc. Persönlich glaube ich, öffentliche Finanzierung ist das Instrument der Wahl für kleine Unternehmen die innovieren wollen, denn erstens ist es relativ einfach, Hilfen und den Rat von Experten zu bekommen bei der Ausarbeitung des Antrags.

Für uns war der Antrag sehr einfach, weil wir schon wussten, was wir entwickeln würden, deswegen war es leicht, die Idee darzustellen und den Unternehmensplan zu entwerfen. Zweitens: In den meisten Fällen gibt es einen hohen Anteil an Zuschussfinanzierung – über 90% der Gesamtkosten, wenn es um ein hoch innovatives Projekt geht, und nicht zuletzt drittens: Sie können mit Vorschüssen rechnen, was in den Anfangsstadien des Innovationsentwicklungsprozesses lebenswichtig ist.

FRAGE: Wie wird eine Finanzierung von Innovationen aus der öffentlichen Hand allgemein angesehen?

Der komplizierte Verwaltungsprozess und die lange Bearbeitungsdauer schrecken die meisten Kleinunternehmen ab. Andere Hindernisse bestehen in der relativ langen Zeit der Entwicklung, und der Verbesserung solcher Projekte, im geforderten Berichtswesen etc. Wir hatten auch Vorbehalte gegen eine öffentliche Finanzierung, aber nach genauer Betrachtung aller Optionen und mit Hilfe von lokalen Experten entschieden wir uns, diesen Weg zu gehen und öffentliches Geld zu beantragen.

FRAGE: Was passierte schließlich mit Ihrem Innovationsprojekt, und welchen Rat können Sie kleinen Unternehmen geben, die bereit sind, in Innovationen zu investieren und die passende Finanzierung dafür suchen?

ANTWORT: Nach vielen Versuchen, die richtigen Informationen - und damit die richtige Finanzquelle - zu finden, entschieden wir uns, den Rat einer lokalen Unternehmensberatungsstelle zu suchen. Deren Experten analysierten unsere Idee und schlugen vor, wir sollten öffentliche Gelder aus einem der staatlichen Programme zur Finanzierung von innovativen Start-Ups beantragen. Außerdem wurde eine Zusammenfassung unseres Projekts in dem internen Netzwerk von Technologieangeboten und Geschäftspartnern der Beratungsstelle veröffentlicht.

Schon bald danach nahmen mehrere Investoren mit uns Kontakt auf, um Geschäftsbeziehungen anzubahnen und in die Entwicklung unseres innovativen Produkts zu investieren. Doch wir lehnten ab, weil die vorgeschlagenen finanziellen Konditionen nicht zufriedenstellend waren. Schließlich beantragten wir Mitte 2010 Gelder aus dem Bulgarischen Aktionsprogramm zur Wettbewerbsfähigkeit, finanziert aus einem Strukturfonds der Europäischen Union. Nach drei Monaten bekamen wir einen Zuschuss in Aussicht gestellt, und wir verhandeln jetzt über die Auszahlung des ersten Vorschusses für das Projekt, mit dem das Patentverfahren für unsere Erfindung abgeschlossen werden soll und mit dem Finanzierung der Teilnahme an einer internationalen Veranstaltung, auf der wir unsere Technologie vorstellen werden, gesichert werden soll.

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Das Interview wurde geführt und aufgezeichnet am 27.12.2010 von Plamen Todorov in Sandanski, Bulgarien im Auftrag des Business Information and Consulting Center – Sandanski