11.3.2 Wo und wie entstehen Communities of Practice?

Communities entwickeln ihre Praxis durch eine Vielfalt an Aktivitäten. Folgende Tabelle liefert typische Beispiele:1


Tab. 1: Beispiele

Das Konzept der Communities of Practice hat eine ganze Reihe praktischer Anwendungen in Unternehmen, Organisationsdesign, Verwaltung, Ausbildung, Berufsverbänden, Entwicklungsprojekten und öffentlichem Leben gefunden. Kennen Sie eine solche Anwendung? Gibt es eine CoP in Ihrem Firmen- oder sozialen Umfeld?

Organisationen:
Das Konzept wurde bereitwillig von Unternehmen übernommen, weil man erkannt hat, dass Wissen ein kritischer Aktivposten ist, der strategisch gemanagt werden muss. In den Anfängen des Wissensmanagements hatte man sich auf Informationssysteme konzentriert, mit enttäuschenden Ergebnissen. CoP lieferte einen neuen Ansatz, der die Menschen und die sozialen Strukturen, die es ermöglichen, voneinander zu lernen, in den Mittelpunkt stellte. Heute existiert kaum eine Organisation passablen Umfangs ohne CoP Initiativen in der einen oder anderen Form. Warum aber gibt es dieses große Interesse für CoPs als Hilfsmittel zur Entwicklung strategischer Fähigkeiten in Organisationen?

  • CoP ermöglicht es Praktikern, das Wissen, das sie brauchen, gemeinsam verantwortlich zu managen, aus der simplen Erkenntnis heraus, dass sie dazu am besten geeignet sind.
  • CoP schaffen die direkte Verbindung zwischen Lernen und Leistung, weil die Angehörigen der CoP und die Mitglieder der Teams und Geschäftseinheiten dieselben Personen sind.
  • Die Praktiker können sich sowohl mit den impliziten und dynamischen Aspekten, als auch mit den deutlicher sichtbaren Aspekten des Schaffens von Wissen befassen.
  • CoP sind nicht an formale Strukturen gebunden: Sie schaffen über organisatorische und geographische Grenzen hinweg Verbindungen unter den Menschen.

Verwaltung:
Wie die Unternehmen stehen auch die Regierungsorganisationen komplexen Herausforderungen gegenüber. Sie haben CoP  aus denselben Gründen übernommen, obgleich bürokratische Strukturen dem offenen Teilen von Wissen oftmals im Wege stehen. Über die internen Gemeinschaften hinaus gibt es typische Gemeinwohl-Felder wie das Erziehungs- und Ausbildungssystem, das Gesundheitswesen und die innere Sicherheit, die auf allen Verwaltungsebenen Koordination und Teilen von Wissen erfordern.

Erziehung / Ausbildung:
Schulen und Kommunen sind eigenständige Organisationen, die vor größer werdenden Herausforderungen an das Wissensmanagement stehen.
CoPs beeinflussen die Ausbildungspraxis in drei Dimensionen:

  1. Intern: Wie können Lernerfahrungen durch Teilnahme in Communities organisiert werden, die das schulische Lernen mit der Praxis verbinden?
  2. Extern: Wie verbindet man die Lernerfahrungen von Schülern mit der Praxis durch Teilhabe an größeren Gemeinschaften außerhalb der Schule?
  3. Lebenslanges Lernen: Wie wird man den Anforderungen des lebenslangen Lernens gerecht durch Einrichtung von CoP, die sich auf Themen konzentrieren, die die Schüler auch nach der Schulzeit interessieren?2

Verbände:
Eine steigende Zahl von Verbänden suchen nach Wegen, Lernangebote und Trainingskonzepte durch stärkere Berücksichtigung der Praxis zu verbessern. Ihre Mitglieder sind unruhig, ihre Loyalität unsicher. Man verlangt hochwertige Bildungsangebote von ihnen. Das in CoP übliche Lernen von Kollege zu Kollege bietet eine ergänzende Alternative zu traditionellen Kursangeboten und Publikationen.3

Sozialer Sektor:
In der zivilen Verwaltung gibt es ein wachsendes Interesse am Aufbau von Communities unter Praktikern. Im Non-Profit Bereich zum Beispiel erkennen Stiftungen in zunehmendem Maße, dass ihre Philanthropie sich auf Lernsysteme konzentrieren muss, wenn sie eine maximale Wirkung der geförderten Projekte erzielen wollen. Doch Praktiker bevorzugen direkte Verbindungen von Kollege zu Kollege und sich daraus ergebende Lernmöglichkeiten. Diese Verbindungen umfassen die regionale Wirtschaftsförderung mit ihren intraregionalen Zusammenschlüssen auf unterschiedlichen Feldern.4

Internationale Entwicklung:
Die  Erkenntnis nimmt zu, dass die Entwicklung von Nationen mindestens so stark vom vorhandenen Wissen abhängt, wie von den vorhandenen Finanzmitteln. Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die davon überzeugt sind, dass der Ansatz einer Community of Practice ein neues Paradigma für die Entwicklungsarbeit setzen kann. Es betont den Aufbau von Wissen unter den Praktikern. Manche mit Entwicklung befassten Organisationen sehen ihre Rolle inzwischen eher als Förderer  solcher Communities denn als „Wissenslieferanten“.5

Das Web:
Neue Technologien wie das Internet haben die Reichweite unserer Interaktionen weit über die geographischen Grenzen traditioneller Gemeinschaften hinaus verlängert, doch der Anstieg des Informationsflusses bedeutet nicht, es gebe nun keine Notwendigkeit der Community-Bildung mehr. Tatsächlich erweitert er die Möglichkeiten der Community und verlangt nach neuen, ihm angepassten Communities of Practice.6

Doch wir sollten festhalten, dass die Entwicklung einer CoP und deren Pflege nicht auf die oben genannten Felder beschränkt sind. Sie kann in jedem Interessensgebiet entwickelt werden, ganz gleich ob es akademischer, unternehmerischer oder selbst freizeitlicher Natur ist.

Nun sind Sie an der Reihe: Nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit und entwerfen Sie zwei CoPs, die Sie kennen oder sich vorstellen, dass sie existieren könnten. Beschreiben Sie sie kurz anhand von Funktionsbereich, Gemeinschaft und Praxis.


1 http://www.ewenger.com/theory/
2 ebd
3 ebd
4 ebd
5 ebd
6 ebd