11.3.4 Fallstudie / Beispiel

Die Turbodude Community hatte anfangs normalerweise durchschnittlich 15 Mitglieder. Nach sechs Monaten aber hatte sich herum gesprochen, dass einige der führenden Geowissenschaftler des Unternehmens dort auf höchstem Niveau über Turbidit-Reservoire (Turbidite = Erdöl und Erdgas speichernde Sedimente) diskutierten. Die Teilnehmerzahl stieg um 40 bis 50 pro Meeting und endete bei 125 Mitgliedern. Obwohl es während des Lebenszyklus´ der Community leichte Fluktuationen gab, blieb die Mitgliederzahl weitgehend konstant.

Nach einigen Monaten überlegte der Moderator der Community, die Mitglieder zu noch mehr Beiträgen anzuregen. Er interviewte einige der eher passiven Teilnehmer und fand heraus, dass viele von ihnen neu waren in der Organisation und dass sie die Community weitgehend als Lernplattform benutzten, eifrig seitenweise Notizen machend. Sie wollten nicht aktiver teilnehmen, weil sie befürchteten, ihre Beiträge würden zu Lasten der Qualität der Diskussionen gehen. So ließ der Moderator also die Experten weiterhin dominieren, um das hohe Niveau der Diskussionen zu bewahren. Gleichwohl blieb die Community eine Lernplattform für Novizen im Feld der Turbidite.

Erst als Turbodudes sich zu größerer Reife entwickelt hatte, wurden sich die Mitglieder des wahren Wertes ihrer Diskussionen bewusst. Sie fanden heraus, dass das Wertvollste, das sie erreicht hatten, die Verringerung der Unsicherheit war, die immer besteht, wenn die Entscheidung getroffen werden muss, ob eine potentielle Lagerstätte weiter verfolgt werden soll, oder nicht.
Eine solche Exploration beruht immer auf der Extrapolation von unvollständigen Daten und auf Vergleichen mit bekannten geologischen Strukturen, im Fachjargon „Analogien“ genannt. Diese sind wichtig, weil so wenige Daten verfügbar sind, bevor die erste Bohrung vorgenommen wird; sie helfen den Geowissenschaftlern, zu entscheiden, ob an der fraglichen Stelle genug Ölreserven zu erwarten sind, die eine Bohrung rechtfertigen.

Die bei Turbodude erfolgten Diskussionen von Analogien und alternativen Interpretationen von Daten führten zur Vermeidung von drei unnötigen Probebohrungen pro Jahr – was eine Kostenersparnis von 20 Millionen USD pro Bohrung und weiterer 20 Millionen für Tests an jeder Bohrung, insgesamt also 120 Millionen USD pro Jahr bedeutete.

Je mehr Anerkennung die Community erhielt, desto größer wurde das Engagement der Mitglieder. Am Ende des ersten Jahres erkannte die Turbodudes-Kerngruppe dass man auf etwas sehr Bedeutendes gestoßen war. Mehrere Mitglieder begannen, mehr Zeit in die Community zu investieren und weitere Themen aufzugreifen, um zusätzliche Fachgebiete zu entwickeln.
Obwohl die meisten Turbodude-Diskussionen nach wie vor darauf abzielen, sich gegenseitig zu helfen, bedeuten diese weiteren Aktivitäten eine Richtungsänderung der Cummunity weg von ausschließlicher gegenseitiger Unterstützung, hin zur Organisation, Systematisierung und Standardisierung von Verfahren zur Analyse von Turbiditen.1


1 Etienne Wenger, Richard McDermott, William M.Snyder (2002) “Cultivating communities of Practice”