12.1.1 Was ist interkulturelle Kompetenz? Wo benötigen wir sie?

Es ist schwierig, interkulturelle Kompetenz mit wenigen Worten zu charakterisieren. Zunächst einmal ist sie Voraussetzung für ein situationsgerechtes Verhalten in der Kommunikation und der Zusammenarbeit mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben – Mitarbeiter, Geschäftspartner, Kunden. Sehr wichtig ist eine offene Einstellung, die Fähigkeit, akzeptieren und respektieren zu können, dass Menschen unterschiedlich sind. Dies bedeutet Offenheit dafür, dass meine Denkweise und die Art wie ich handle, nicht die einzig möglichen sind. Es bedeutet, den Gedanken zuzulassen, dass eine andere Denk- und Vorgehensweise als die meine zu den gleichen oder sogar besseren Ergebnissen führen kann.
Interkulturell kompetent zu sein bedeutet also, andere Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen zu respektieren. Interkulturell kompetentes Handeln setzt die Einstellung voraus, dass meine Denk- und Vorgehensweise weder besser noch schlechter als die meines ausländischen Kollegen, Geschäftspartners oder Kunden ist – sie ist einfach ANDERS. Dies schließt den Gedanken ein, dass ich in der Lage sein werde, mit der Andersartigkeit als Herausforderung und als Chance umzugehen, als Möglichkeit für beide Seiten zu lernen und Nutzen daraus zu ziehen. Sie schließt Handeln und Kommunikation aus einer Position des Überlegenheitsgefühls aus: „Ich weiß das am besten und werde dir zeigen, wie es langgeht“.
Interkulturelle Kompetenz bedeutet auch, sozial bedingte Standards, Normen, Gewohnheiten, Kommunikationsstile in anderen Ländern oder Kulturen zu kennen – Bekleidungsnormen und Ernährungsgewohnheiten, Abstand und Nähe im Kontakt, Begrüßungsrituale usw. Dieses kulturelle Wissen beinhaltet Kenntnisse über Wertorientierungen, Muster für Verhalten und Kommunikation, die in der Kultur des Geschäftspartners oder Mitarbeiters als allgemein üblich und verbindlich angesehen werden. Kulturelles Wissen sollte landeskundliches Wissen einschließen, darf jedoch nicht darauf beschränkt sein.
Interkulturelle Kompetenz schließt die Fähigkeit ein, mit Abweichungen vom Gewohnten umzugehen, mehrdeutige, unsichere Situationen und hieraus möglicherweise resultierenden Stress und Unsicherheit ertragen zu können (wir bezeichnen diese Fähigkeit als Ambiguitätstoleranz).
Interkulturelle Kompetenz heißt auch Sensibilität hinsichtlich möglicher kulturbedingter Unterschiede bei der Nutzung von Kommunikationsmitteln. Stimmführung, Mimik, Gestik, Lautstärke, Blickkontakt usw.  können wesentlich von den Konventionen für bestimmte Situationen in der eigenen Kultur abweichen.

Schauen Sie sich ein oder beide Kurzvideos zu interkulturellen Konflikten am Arbeitsplatz an. Das eine behandelt das Thema unterschiedlicher Zeitkonzepte und das zweite die Frage von Bekleidungsnormen. Um beide Videos zu sehen, werden sie etwa zehn Minuten benötigen. Wir sind sicher, dass Ihnen die Darstellung gefallen wird und ein Gefühl dafür vermittelt, wie schwierig es sein kann, eine Position einzunehmen. Wodurch entsteht der Konflikt? Wer hat Recht? Kann überhaupt jemand Recht haben, und wie könnte eine Lösung des Konflikts aussehen?1  Vielleicht schauen Sie sich die Videos gemeinsam mit einem Kollegen an, um diese anschließend gemeinsam zu diskutieren? Es könnte eine interessante Diskussion werden.

 "Time" (PDF zum Lesen)

 

"Appearance"  (PDF zum Lesen)

Wir haben unsere Wertvorstellungen, Gewohnheiten, Normen, die Art wie wir kommunizieren, denken und handeln – das was unsere Kultur ausmacht – in einem unser bisheriges Leben andauernden Sozialisierungsprozess erworben. Solange wir leben, ist dieser Prozess nicht abgeschlossen. Unsere Kultur hängt von den sozialen Bedingungen ab. Ein deutscher Hausmeister kann mehr Gemeinsamkeiten mit einem griechischen Hausmeister haben, als beide mit ihrem deutschen oder griechischen Vorgesetzten. Das heißt, interkulturelle Kompetenz bedeutet nicht notwendigerweise, dass wir über die Beziehungen zu Menschen in anderen Ländern mit einem anderen ethnischen oder religiösen Hintergrund sprechen.
Wir müssen ebenso in der Lage sein, mit kulturellen Unterschieden umzugehen, wenn wir mit Menschen unserer eigenen Nationalität zusammen arbeiten, die eine andere Sozialisierung durchlaufen haben und damit einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Menschen im Norden des Landes unterscheiden sich oftmals von denen aus dem Süden usw. Sicher sind die Unterschiede geringer, als in der Begegnung mit Menschen aus einem völlig anderen Kulturkreis. Wir wollten jedoch deutlich machen, dass interkulturelle Kompetenz auch im nationalen Umfeld notwendig und hilfreich ist.

Wir betrachten daher interkulturelle Kompetenz als soziale Schlüsselkompetenz, die wir täglich innerhalb und außerhalb des Unternehmens benötigen, im Kontakt mit Kollegen, Partner und Kunden, aber ebenso mit Nachbarn, und ganz „gewöhnlichen“ Menschen, denen wir begegnen und die einen andere kulturelle Entwicklung erfahren haben. Es handelt sich um eine Schlüsselkompetenz für erfolgreiches Handeln.

Die Entwicklung interkultureller Kompetenz ist unabdingbar für Management sowie für Marketing und Verkauf, kann aber mit Blick auf die oben genannten Gründe nicht hierauf beschränkt werden.


1 EIW – the European Intercultural Workplace; 2007