10.3.1 Was bedeutet es, Wissen zu managen?

Wenn wir Wissen “managen” wollen, dann müssen wir zuerst verstehen, welche Art von Wissen wir meinen. Es gibt hier sehr verschiedene Definitionsansätze, auf die wir uns nicht einlassen wollen. In unserem Kontext wollen wir den Wissensbegriff als Gesamtheit von Information über Personen, Prozesse und Erfahrungen/Kompetenzen zum adäquaten Umgang mit diesen verwenden.  Verinnerlichte Erfahrungen schließen wir also ein.  Das Wissen – das wir managen wollen – kann folglich unser eigenes, ganz individuelles Wissen sein.  Wir tragen es in uns, andere haben keinen direkten Zugriff darauf und wissen oftmals ja nicht einmal, dass wir diesen Schatz besitzen. Wir bezeichnen dieses Wissen als IMPLIZIT (engl. TACIT).  Wissen, das wir in frei zugänglichen Quellen wie (Hand-)Büchern, Bedienungsanleitungen usw. finden können, bezeichnen wir als EXPLIZIT (engl. EXPLICIT).
Das hört sich theoretisch an. Aber wir benötigen diese grundlegende Einordnung, um unsere Wissensmanagementstrategie zu bestimmen.
Ein Beispiel: Eine Anleitung zum erfolgreichen Braten einer Entenbrust finden Sie im Kochbuch (explizites Wissen). Nach mehreren Versuchen haben Sie Erfahrungen verinnerlicht (implizites Wissen), die Sie nicht im Kochbuch finden, um die Sie Ihre Bekannten nun beneiden, weil diese Ihnen den durchschlagenden Erfolg sichern. Nun, wo Sie auf explizites Wissen und implizite Erfahrungen zurückgreifen können, entsteht Freiraum und Mut zur Innovation…

Implizites Wissen – im Kopf des Einzelnen gespeichert – deshalb schwierig, an andere weiterzugeben und für andere nutzbar zu machen.

Explizites Wissen – in Dokumenten (Handbücher, Bedienungsanleitungen) gespeichert – deshalb einfach, an andere weiterzugeben und für andere nutzbar zu machen.

Aus dieser Unterscheidung heraus wird deutlich, dass das Management von implizitem und von explizitem Wissen unterschiedliche Vorgehensweisen und Werkzeuge erfordert.

In einem Unternehmen arbeitet ein erfahrener Schweißer. Er wird immer geholt, wenn es um eine komplizierte Schweißarbeit geht, die nur er qualitätsgerecht ausführen kann. In einem Jahr wird er in Rente gehen. Wie würden Sie vorgehen, damit sein (implizites!) Expertenwissen dem Unternehmen nicht verloren geht? Finden Sie zuerst aus Ihrer Sicht geeignete Lösungen und lesen Sie dann den Vorschlag in der Fußnote.1

Wissensmanagement ist darauf gerichtet, den Erwerb/die Erzeugung, die Weitergabe, die Nutzung und Bewahrung von Wissen beim Einzelnen und zwischen Mitarbeitern sowie im Unternehmen insgesamt mit dem Ziel seiner optimalen Nutzung systematisch zu gestalten.  In der Folge können insbesondere eine bessere Erschließung innovativer Ressourcen, ein höheres Maß an Einbeziehung und Zufriedenheit der Mitarbeiter  sowie  eine bessere Wettbewerbsfähigkeit erreicht werden.2

Bitte nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit für folgende Überlegung: Wie ist die Situation in Ihrem Arbeitsumfeld?

Was denken Sie, nachdem Sie die Prüfliste ausgeführt haben – sehen Sie weiteres Potenzial für Wissensmanagement in Ihrem Umfeld?


1 Welche Lösungen haben Sie gefunden? Wir würden die Tandem-Methode vorschlagen. Hierbei würde über einen längeren Zeitraum hinweg ein anderer Kollege mehr und mehr selbständig die komplizierte Schweißarbeit unter Anleitung des erfahrenen Schweißers ausführen. Das hört sich einfach an. Aber die Erfahrung zeigt, dass viele Unternehmen einfach „vergessen“, Schlüsselwissen zu identifizieren und rechtzeitig zu sichern. Es kommt oft vor, dass bereits im Ruhestand befindliche ehemalige Mitarbeiter zurückgeholt werden, um  ein Problem zu lösen. Die Arbeit im Tandem ist ein Werkzeug des Wissensmanagements, um implizites Wissen zu übertragen und zu sichern.
2 Definition des Autors. Zimmer, Gerd (2011) pro-kompetenz