4.10.1 Stärkung der kreativitätsbezogenen Fähigkeiten der Mitarbeiter durch Verbesserung organisatorischer Faktoren

Schritt 1:
Aufbauen auf einzigartigem Potenzial, Motivation und individuellem Hintergrund

Die optimale Situation wäre, für jede Stelle die Menschen mit dem erfolgversprechendsten Potenzial und Hintergrund auswählen zu können, Menschen mit einer hohen inneren Motivation, die eine Aufgabe wegen der Aufgabe selbst übernehmen wollen, nicht für Geld oder eine andere zu erwartende Belohnung. Dies wird „innere Motivation“ genannt, weil Belohnung und Ziel in der Aktivität selbst liegen. Wenn wir jemanden einstellen, ist es wichtig, darauf zu achten, ob wir in der Lage sind, die Person so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir können helfen, deren Potenzial zu nutzen, doch wenn wir wollen, dass sie kreativ ist, sollten wir nicht versuchen, sie zu ändern. Denken Sie unkonventionell: „Jedes Individuum hat einen Reichtum an subjektiven Erfahrungen und Wissen. Daher ist seine Weltsicht einzigartig, Probleme und Chancen sieht es durch eine ganz bestimmte Linse. Bringen Sie genug individuelle Linsen zusammen, und Sie haben ein Kaleidoskop von Ideen.”

Wenn Sie einen Familienbetrieb oder ein Kleinunternehmen haben, und Sie sich nicht aussuchen können, wen Sie einstellen oder entlassen, versuchen Sie herauszufinden, wo das Potenzial Ihrer Mitarbeiter liegt. Wir alle haben starke Seiten, das macht uns einzigartig. Wenn Sie Freiräume neben der täglichen Routine zur Verfügung stellen können, die sie in die Lage versetzen, das zu tun worin sie gut sind oder wozu sie motiviert sind, werden sie die Ressourcen und Innovativität Ihres Unternehmens sehr bald vervielfachen. Fragen Sie sie, wozu sie motiviert sind. Einige Beispiele finden Sie in Schritt 3.

Denken Sie daran, je unterschiedlicher der Hintergrund Ihrer Mitarbeiter ist, desto mehr Denkweisen werden auftauchen, und so verbreitet sich Kreativität in der Gruppe oder Organisation. Betreuen Sie sie und fragen sie um Rat, aber drängen Sie ihr Denken nicht in eine bestimmte Richtung und zwingen Sie sie nicht, zu denken wie Sie.

 
Schritt 2:
Stärken des Selbstbewusstseins durch positiv wirkende Beziehungen, einem System von Anreizen und Freiräumen
Ein solides Selbstvertrauen ist Grundlage jeglicher Kreativität, denn Menschen mit gesundem Selbstvertrauen werden weniger auf Mechanismen der Selbstverteidigung zurück greifen. Sie fühlen sich sicher genug, von ihren eigenen Ideen zu sprechen. Sie sind geistig frei und können daher die Grenzen ihres Selbst und der existierenden Regeln und Gewohnheiten leichter überschreiten. Hier liegt der Grund, warum es selbstsicheren Individuen leichter fällt, zu neuen Problemlösungen zu kommen.
Positiv wirkende Beziehungen sind eine wichtige Basis unseres Selbstwertgefühls. Sie sind eine Art Spiegel, in dem wir uns selbst sehen – und er steuert zu einem großen Teil, wie wir uns fühlen und über uns selbst denken. Die Art und Weise, wie Sie über sich selbst denken, verändert Ihr Verhalten und Ihre Leistungsfähigkeit. Wenn Sie durch Ihre Beziehungen akzeptiert und unterstützt werden, fällt es Ihnen leichter, sich auszudrücken – und sei es auch eine sehr ungewöhnliche Idee.

Halten Sie nun einen Moment inne und denken Sie nach:
Vielleicht ist es an der Zeit, ein wenig an der Kultur Ihres Unternehmens zu arbeiten: Schreiben Sie zusammen mit Ihren Kollegen eine Liste von Punkten auf, die als Kodex dienen kann, der beschreibt, wie eine bessere, positiv wirkende, unterstützende Atmosphäre geschaffen werden kann:

  • Ist es in Ihrem Unternehmen üblich, sich in Kaffeepausen, in der Mittagspause oder beim gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant besser kennen zu lernen oder gibt es andere Gelegenheiten dazu?
  • Geben die Führungskräfte Hilfestellung dabei, wie Produkte besser zu entwickeln sind, anstatt zu kritisieren, was nicht gut gemacht wird?
  • Gibt es jemanden, mit dem die Mitarbeiter sprechen können, wenn sie ein Problem haben?
  • Werden Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe und die Lösung untereinander auftretender Konflikte gefördert?

Auch Bewertungen und Anreizsysteme beeinflussen die Kreativität. Wie Führungskräfte und Kollegen jemanden bewerten, beeinflusst üblicherweise auch die Selbstbewertung eines Menschen. Wie aber sieht eine gute Bewertung aus? Sie sollte detailliert, genau auf die Person zugeschnitten sein und sich auf die Stärken und Entwicklungs-Chancen konzentrieren, nicht auf die Kritik der Schwächen.Normalerweise erhalten Mitarbeiter kein detailliertes Feedback. Doch das Hauptziel eines wirksamen Systems von Anreizen ist nicht die Beurteilung der Arbeitsleistung, sondern die Leute zu motivieren, sich anhand von mehr Faktoren selbst zu bewerten – und sie dazu zu bringen, dies auch allein zu tun. Wenn wir eine Bewertung zusammen mit dem Vorgesetzten vornehmen, die sich auf individuelle Aspekte stützt, bekommen wir ein wesentlich stärkeres Selbstwertgefühl, als wenn wir auf Feedback von außen warten, das auf der Auffassung einer einzelnen Person beruht. Wie aber sieht unter diesen Gegebenheiten ein wirksames System von Anreizen aus? 

Bitten Sie den Mitarbeiter um eine kurze Beschreibung des Ziels der Aufgabe, an der sie/er gerade arbeitet und versuchen Sie Teilergebnisse zu finden, die zeigen, inwieweit das Ziel bereits erreicht ist. Besprechen Sie dies mit dem Mitarbeiter. Achten Sie dabei auch auf dessen Verfassung, wenn Sie Ratschläge zu künftigen Entwicklungschancen geben. Sie werden einen wesentlich größeren Effekt erzielen, wenn Sie Verständnis für die Mitarbeiter zeigen. Als Anreiz geben Sie ihnen die Chance, den erreichten Leistungsstand zu übertreffen. Verständnis gekoppelt mit Chancen ist die beste Form der Ermutigung von Menschen.

Denken Sie daran: persönliches Feedback, dass sich auf die Ziele des Mitarbeiters, das bereits Erreichte, den Entwicklungsrahmen und die dazu passenden Zukunfts-Chancen konzentriert, ist bereits eine Belohnung an sich. Die meisten effizienten Anreizsysteme basieren auf dieser Struktur, wobei sie den Mitarbeitern den Freiraum geben, die eigenen Aktivitäten zu bewerten (z.B. in einem Gespräch mit dem Vorgesetzten).

Durch delegieren von Aufgaben, wobei die Mitarbeiter Mittel und Wege finden müssen, diese zu erledigen und sogar dadurch, dass man die Mitarbeiter die zu erledigenden Aufgaben selbst finden lässt, können Führungskräfte Räume zur Selbstverwirklichung schaffen. Wenn wir unsere eigenen Aktivitäten managen können und wenn wir den Freiraum haben, dies auf unsere eigene Weise zu tun, anstatt auf detaillierte Anweisungen des Vorgesetzten zu warten, sind wir in der Lage, besser auf uns selbst zu vertrauen. Das trägt zu einem stabileren Selbstwertgefühl bei und vergrößert die innere Motivation (wir arbeiten unseren Interessen und Motiven entsprechend) und Kreativität (wir haben den Freiraum, innovative Methoden einzuführen).

Hier einige Hinweise und Tips für die Praxis:

  • Fragen Sie nach Arbeitsplänen oder erstellen Sie selbst welche, die die Ziele, Termine und Struktur der Aufgaben eines Projektes beschreiben, anstelle von direkten Anweisungen, was genau zu tun ist. So können die Mitarbeiter ihr Selbstvertrauen und ihre Motivation stärken.
  • Organisieren Sie Brainstorming Sitzungen in Teams, wobei das Team eigene Wege der Problemlösung oder der Entwicklung eines Ergebnisses finden soll. Auch dies ist ein perfekter Weg, den Mitarbeitern Freiräume zu schaffen.

 
Schritt 3:
Motivationsunterstützung bei der Arbeit

Motivierte Mitarbeiter werden bereitwillig die vorhandene Wissensbasis mit neuen Assoziationen und Problemlösungen erweitern, im Gegensatz zu unmotivierten Mitarbeitern. Wenn jemand eine Aufgabe übernimmt, weil er es muss, wird er lediglich etwas abliefern, das gerade ausreicht, um akzeptiert zu werden. Um innovative Ideen zu erhalten, müssen wir uns tief in die Materie einarbeiten, das Thema auseinander nehmen, die Einzelteile begutachten, nach unbekannten Teilen des Puzzles suchen oder nach Technologien, die geeigneter sind, die Teile wieder auf eine bessere Weise zusammen zu setzen. Dazu gehört viel Energie. Motivation ist die billigste und effektivste Energiequelle, die jemanden zu einer Aktivität antreibt. So wird die Aktivität selbst zum Ziel. Das ist der Grund, warum wir die Motivationen der Mitarbeiter erkennen und unterstützen sollten – sie sind Gold wert. Lassen Sie die Mitarbeiter manche Aufgaben selbst auswählen. Motivieren Sie sie, folgende Fragen zu beantworten:

Betrachten Sie die folgenden Werte im Zusammenhang mit Ihrer Arbeit. Welche sind für Sie am wichtigsten? Welche am unwichtigsten? Sortieren Sie sie in der entsprechenden Reihenfolge.
   Fortschritt
   Kreativität
   Fachwissen
   Flexibilität
   Anderen helfen
   Hohes Gehalt
   Unabhängigkeit
   Sicherheit des Arbeitsplatzes
   Freude
   Führung
   Standort
   Prestige
   Verantwortung
   Selbstverwirklichung
   Soziale Bindungen
   Vielfalt
   Vereinbarkeit von Beruf und Familie
   Junge Atmosphäre
   ...........................andere (bitte angeben)

Schauen Sie sich nun Ihre Reihenfolge an – Sind Anreize und Umstände wichtiger für Sie, oder die Aufgabe selbst?

Im Folgenden finden Sie einige Fragen zur Orientierung Ihrer Aufmerksamkeit (oder die Ihrer Kollegen):

  • Welche Aktivitäten genießen Sie um ihrer selbst willen? (ohne eine Gegenleistung zu erhalten)
  • Welche Art Informationen sammeln Sie, welche Art Bücher / Zeitschriften / Filme mögen Sie?
  • Welchen Teil Ihrer Wohnung mögen Sie am liebsten und warum?
  • Was waren Ihre bevorzugten Kurse oder Themen, bei denen Sie es genossen haben, eine Hausarbeit oder ein Examen zu schreiben?
  • Können Sie sich einen Beruf vorstellen, den Sie ohne Gegenleistung tun würden, vorausgesetzt, Sie hätten genug Geld um nicht mehr arbeiten zu müssen?
  • Was würden Sie gerne in einem idealen Beruf den nächsten 3-5 Jahren erreichen wollen?
  • Wer waren die Helden Ihrer Kindheit oder Ihre Lieblingscharaktere? Wissen Sie, warum?
  • Was war Ihr Traumberuf als Kind?
  • Listen Sie einige Dinge auf, die Sie erreicht haben! Beschreiben Sie die Situation, Ihre Aufgabe, welche Fähigkeiten Sie gebraucht haben. Was haben Sie erreicht und was waren die Ergebnisse?

Unterscheiden sich Ihre Antworten von den Prioritäten aus der ersten Übung? Falls ja, überdenken Sie Ihre Antworten noch einmal.

 
Schritt 4:
Auslösen der Fluss-Erfahrung und des Gefühls, effizient zu sein

Kreative Menschen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht, doch in einem Punkt sind sie sich sehr ähnlich: „Sie genießen, was sie tun. Sie gehen vollständig auf in einer Aktivität um der Aufgabe selbst willen. Das Ego tritt zurück. Die Zeit verfliegt. Jede Handlung, jede Bewegung, jeder Gedanke folgt unausweichlich aus dem vorhergehenden, wie bei der Improvisation im Jazz.“1 Wenn Ihr ganzes Wesen involviert ist und Sie Ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten einsetzen, erfahren Sie Fluss und Selbstwirksamkeit auf dem Weg zum Erfolg. Positivistische Psychologen sehen dies, ebenso wie Glücksgefühl, als wichtige Komponente der Kreativität an.

”Die Fluss-Erfahrung wird unter folgenden Bedingungen gemacht:

  • Für jeden Schritt des Weges gibt es klare Ziele
  • Für die einzelnen Aktivitäten gibt es sofortiges
    Feedback
  • Es gibt eine Balance zwischen Herausforderungen und Fähigkeiten
  • Aktion und Bewusstsein werden zusammengeführt
  • Ablenkungen werden vom Bewusstsein ferngehalten
  • Es gibt keine Angst vor Fehlern
  • Das Selbst tritt in den Hintergrund
  • Die Zeitwahrnehmung verschwimmt
  • Die Aktivität wird autotelisch2."

Der Schlüssel besteht nach Csikszentmihalyi darin, uns selbst mit Aufgaben zu fordern, die eine optimal hohe Kompetenz voraussetzen, die aber andererseits nicht überfordern. Darum brauchen wir ein stabiles Selbstwertgefühl und innere Movitation, um genau die Aktivitäten zu finden, die zu unseren Fähigkeiten und Kompetenzen passen. Wenn wir wissen, woran wir das meiste Interesse haben, können wir Aufgaben finden, die wir genießen und die optimal zu unseren Fähigkeiten passen.

Hier einige Hinweise und Tipps für die Praxis:

  • Bevor Sie eine scheinbar interessante Aufgabe angehen, klären Sie die Ziele. Gibt es ein persönliches Ziel, dass mit der Aufgabe verbunden ist?
  • Sorgen Sie für einen Ausgleich von Anforderungen und Fähigkeiten. Wenn Sie feststellen, die Aufgabe stellt zu hohe Anforderungen, versuchen Sie, andere Ressourcen hinzuzuziehen, um Ihre eigenen Fähigkeiten zu komplettieren. Es ist wichtig, dass Sie keine Angst haben, zu versagen. Gibt es jemanden, der motiviert ist und den Sie hinzuziehen könnten? Falls Sie keinen Kollegen haben – Studenten sind üblicherweise aufgeschlossen, Erfahrungen im realen Berufsleben zu sammeln. Vielleicht kennen Sie schon einige Talente. Oder Sie könnten überlegen, einen Professor einzuladen...?
  • Wenn Sie gerne spät abends arbeiten, nehmen Sie sich die Zeit dafür. Flexibilisieren Sie Ihr Zeitmanagement und das Ihrer Mitarbeiter. Es bietet die Chance, durch veränderten Rhythmus besser auf die Fähigkeiten des Einzelnen einzugehen.
  • Spielen Sie Klavier, anstatt fernzusehen – oder lernen Sie etwas Neues, besuchen Sie Ausstellungen oder spielen Sie Ball mit Ihren Kindern. Finden Sie eine Aktivität, die sie um ihrer selbst willen genießen. Modifizieren Sie eine Routine-Aufgabe, indem Sie einen neuen Ansatz verwenden. Kurz, lernen Sie die Freuden vollständigen Engagements. Auch wenn es simpel erscheinen mag, die Lektionen, die Sie beim Finden Ihres „Flusses“ lernen, werden Ihr Leben verändern.

1 Csíkszentmihályi: Flow the optimal experience
2 Csíkszentmihályi: Flow – siehe Glossar